Spätzünder: Hans Wall (Unternehmer)

Ab und zu geschieht die klassische amerikanische Story “Vom Nobody zum Millionär” hier bei uns mitten in Deutschland.In der Süddeutschen Zeitung las ich das Interview mit einem Mann, der dies vollbracht und nun ein Buch darüber veröffentlicht hat. Ich wurde neugierig und kaufte mir die Autobiographie “Aus dem Jungen wird nie was…”, sehr gespannt, wie “der das bloß geschafft hat”. Schlimmeres kann man als Vater seinem gerade mal zehnjährigen Sohn ja kaum antun, als ihn mit diesem Satz, der den Titel abgab, vor dem Lehrer bloßzustellen und ihm damit den Besuch des Gymnasiums zu versauen. Dass Hans Wall dies zum Anlass nahm, seinem Vater das genaue Gegenteil dieser vernichtenden Aussage zu beweisen, ist höchst ungewöhnlich.

Aber bis zum Erfolg war ein langer krummer Weg, der den Schulabbrecher sogar in den Jugendarrest führte. Wäre da nicht ein hilfreicher Mentor gewesen, der den Mechanikerlehrling unter seine Fittiche nahm und eine verständnisvolle unterstützende Mutter, vor allem aber ein unbändiger Wille, es dem Vater und der ganzen Welt zu beweisen, dass mehr in ihm steckte als ein Versager – dieses Buch wäre nie entstanden.
Wenn ich mal ein wenig Brainspotting riskiere, dann kam noch ein weiteres Ingredienz in diesem Lebenslauf hinzu, ohne das die anderen Zutaten wohl kaum ausgereicht hatten, diesen immensen Erfolg doch noch zu schaffen: Eine Hochbegabung, die lange Zeit von den miserablen Schulnoten verdeckt wurde. In so eine Karriere als weltweit operierender Unternehmer kann man nicht durchstarten, wenn da nicht ein weit überdurchschnittliches intellektuelles und kreatives Potential vorhanden ist. Dies zeigt sich insbesondere als Fähigkeit des Vernetzens zu einem sinnvollen komplexen Ganzen von
° Menschen (zu einem funktionierenden und expandierenden Unternehmen),
° Dingen (z.B. Wartehäuschen an Bushaltestellen – aber auch ein ganzes Unternehmens-Verwaltungsgebäude),
° und Informationen (nicht zuletzt als Organisation von Räumen und komplexen Zeitstrukturen).
 

Ein langer krummer Weg mit vielen Aufs und Abs

Dieses Autobiographie macht unter anderen auf lebhafte Weise verständlich, warum und wie jemand zum erfolgreichen Unternehmer wird und was er vor allem brauchte, um erfolgreich über viele Jahre hinweg zu bleiben. Zugleich handelt es sich bei diesem Buch um eine Abrechnung mit jeglicher Bürokratie, die für einen zielstrebigen und umtriebigen Mann wie Hans Wall natürlich der Bremsklotz schlechthin ist. Umso eindrucksvoller, dass der Autor auch die Ausnahmen sieht und würdigt: zum Beispiel Joachim Piefke, den Direktor der Berliner Verkehrsbetrieben.

Erstaunlich auch – und durch Walls eigenen Lebensweg jedoch gut nachvollziehbar – ist sein dickes Lob, das er Deutschland als Ursache seines Erfolgs spendet. Nur hier bekomme jemand wie er immer wieder eine neue Chance, sich fortzubilden und sich mit seinen Begabungen zu beweisen. Das erstaunt umso mehr, als man bei uns eigentlich immer die USA als dieses “Land der unbegrenzten Möglichkeiten” feiert. Es ist sehr überzeugend, wie Wall dies mit seinen eigenen Erlebnissen und Erfahrungen begründet. Er bezeichnet sich selbst als Spätentwickler und versäumt nicht, den Mentor zu benennen, der ihm dabei ganz wesentlich half, vom kleinen Techniker zum Unternehmer zu werden: seinen früheren Seniorchef bei der Firma Lechner (S. 80).

Es trägt zur autobiographischen Qualität seines Buches bei, dass Wall die Ecken und Kanten seines, wie er selbst betont, schwierigen Charakter* nicht verhehlt. Wenn mir  als Psychologen und Hochbegabungsforscher die Ferndiagnose aus vielen Jahren Erfahrung mit solchen Menschen erlaubt ist: Wall scheint der typische hochbegabte Spätzünder zu sein, der aus folgendem Grund wirklich erst spät auf die Erfolgsspur und in die eigentliche Karriere (in seinem Fall: als Unternehmer) findet:
* Ein “schwieriger Charakter” scheint mir ein sehr typisches Merkmal bei vielen Hochbegabten zu sein; denn gerade aufgrund ihrer HB sind sie ungeduldiger (weil schneller als ihre normalbegabten Mitmenschen) und neigen als Querdenker zu Plänen und Exkursionen, die andere Leute nur mit Mühe, wenn überhaupt, nachvollziehen können.

In der Schule sah der junge Hans Wall offenbar keinen Grund, sein Hochbegabungungs-Potential zu entfalten, schon aus Renitenz gegen den tyrannischen “preussischen” Vater nicht. Er machte lieber allerlei Blödsinn bis hin zur Kleinkriminalität (die ihn als Knacker eines Bananen-Containers sogar in Jugendarrest brachte) und musste sich erst mühsam zu seinem eigentlichen Unternehmer-Talent hinrobben. Die Schule in ihrer ganzen Art (und wohl auch die Lehrer) waren nicht in der Lage, seine wahren Talente zu mobilisieren. Schule resp. Lehrer legen das Hauptgewicht ja gerne auf ihre eigene Art von bürgerlicher Bildung und Intelligenz. Wer da nichts ins Raster passt (weil z.B. Unternehmer- und Techniker-Talente etwas anders aussehen als die von lesehungrigen Intellektuellen), der ist rasch verloren.
Das ist übrigens auch das zentrale Problem aller Intelligenztests, die in hohem Maße mitteleuropäisches Bildungsgut abfragen. Wobei ich mir jedoch sicher bin, dass ein Intelligenz-Test damals, 1952, bei Hans Wall einen eindrucksvoll hohen IQ zutage gefördert hätte, der den pessimistischen Vater vielleicht eines Besseren belehrt hätte, nämlich dass “aus dem Jungen doch noch was wird”. Aber an so etwas wie Intelligenz-Tests dachte man zu Beginn des Wirtschaftswunders noch nicht.
Und ob so ein positives Testergebnis wirklich etwas bewirkt hätte, ist zu bezweifeln. Der Vater war zu sehr auf “gute Noten” fixiert. Und so rasch polt sich ein intelligenter Schulverweigerer (als den ich Wall einstufen würde) auch bei einem bewiesenen hohen IQ nicht um und macht ab da Schul-Karriere. Dazu bedurfte es eines langen krummen Weges außerhalb der Schule und durch die Praxis mit vielen Schlenkern und Aufs und Abs, die für Spät-Erfolgreiche typisch sind.

Ich habe für solche Schüler, die ihren hohen IQ – bewusst oder unbewusst – hinter weit unter ihren Fähigkeiten liegenden Leistungen verstecken, den Begriff Shiras-Kinder geprägt, nach einer amerikanischen Autorin, die dieses Phänomen schon in den 1940-er Jahren in einer berühmt gewordenen Science-fiction-Novelle beschrieben hat, aus dem später der Roman Children of the Atom wurde.

 

Klassischer Spätzünder

Seine Rolle als Spätzünder bestätigt der Autor übrigens wortwörtlich, wenn er auf S. 241 notiert:

Als Schulversager wäre ich in vielen Ländern der Welt früh abgeschrieben gewesen. Doch in Deutschland habe ich immer wieder Gelegenheit bekommen, einzusteigen Ich hatte Lehrmeister, die sich Zeit für mich genommen haben, ich hatte Abendschulen, die mir Fortbildung in dem Moment ermöglichten, als ich, der Spätentwickler, endlich bereit war.

Bleibt noch zu ergänzen, dass diese Vita nicht um eine so schicke Geschäftsidee aus der Computer- oder Internet-Welt kreist, wie sie Bill Gates von Microsoft oder Google-Boss Larry Page zu milliardenschweren Entrepreneuren gemacht haben, sondern um etwas, an dem wir alle tagtäglich vorbeilaufen oder es benützen, dessen Fehlen (oder negatives Erscheinungsbild) uns jedoch sehr irritiert: Buswartehäuschen, Werbetafeln und öffentliche Toiletten – und das auch noch möglichst picobello sauber.

Hans Wall gelingt es mit seiner echten Begeisterung für diese angeblichen Trivialitäten des Alltags, mit seinem ständig weiter Tüfteln und Verbessern dem Leser diese “Stadtmöblierung” näherzubringen, wodurch man sie besser zu wertschätzen lernt.


Quellen
 Shiras, Wilmar H. : Children of the Atom (USA 1953). Dt. Kinder des Atoms. Berlin 1983 (Ullstein TB SF) – mit einem Nachwort von Marion Zimmern Bradley
Sommer, Rupert (Interviewer): “Die Welt besteht nicht nur aus Toiletten”. In: Südd. Zeitung vom 23. Okt 2009
Wall, Hans: “Aus diesem Jungen wied nie was…”. München 2009 (Heyne)

(c) Nov 2009 Jürgen vom Scheidt / Quelle: minotauros-projekt.de

Kommentar schreiben