Spätzünder – Spätentwickler
Die Bezeichnung Spätzünder verwendet man umgangssprachlich für Menschen, die beruflich oder privat erst in einem Lebensabschnitt erfolgreich sind, in dem andere diesen Erfolg längst vorweisen können. In Zusammenhang mit Hochbegabung sieht das noch etwas anders aus.
Zwar lässt sich auch hier beobachten, dass Erfolg lebensgeschichtlich spät erreicht wird. Aber dies basiert auf viel tiefer sitzenden Hindernissen in der Persönlichkeit und Biographie als bei Normalbegabten: allen voran das Nichtwissen über das ererbte Hochbegabungs-Potential, das man dementsprechend nicht angemessen entfalten konnte.
Dies erklärt, weshalb hochbegabte Spätentwickler (ein Ausdruck, der uns besser gefällt als das saloppe Spätzünder) manchmal wie eine Rakete loslegen, sobald der Fuß von der Bremse ist.
Eindrucksvolle Beispiele findet man zuhauf in der Literaturgeschichte. Mir fällt spontan immer wieder der einstige Lehrer Frank McCourt ein, der erst nach der Pensionierung, als 65-jähriger, seinen ersten Roman schrieb. Mit Die Asche meiner Mutter landete er sogar einen Welterfolg.
Ein anderer englischsprachiger Autor zeigt schon mit seinem beruflichen Hin-und-her, wie schwierig es oft ist, ein Talent zu entfalten, wenn man damit nicht schon sehr früh im Leben gefördert und gefordert wurde: John Burnside. Er hat soeben (Herbst 2009) in Großbritannien mit Glister einen neuen Erfolg gelandet. Über die vorangehenden Kindheitserinnerungen A Lie about my Father schreibt der Rezensent in der FAZ deutlich begeistert, dass sich daneben
… der Ire Fank McCourt mit “Die Asche meiner Mutter” wie ein Fliegengewicht ausnimmt.
Es sei dahingestellt, wer von den beiden besser schreibt und literarisch bedeutender ist. Rezensenten haben auch so ihre Vorlieben und Lieblinge. Aber aufschlussreich ist, wie Burnsides Werdegang geschildert wird, der ihn ebenfalls als typischen Spätzünder ausweist:
Nach Wanderjahren in England und den Vereinigten Staaten und beruflichen Zwischenstationen als Lanfdschaftsgärtner, Computerprogrammierer und Lehrer lebt Burnside seit Mitte der neunziger Jahre wieder in County Fife, seiner Heimat.
Schriftsteller mäandern durch Berufe
Solches Mäandern durch Berufe und Lebensprojekte ziert den Lebenslauf vieler, wenn nicht der meisten (aller?) Schriftsteller. Woher sonst sollen sie jene Erfahrungen beziehen, mit denen sie die Seiten ihrer Bücher füllen?
Frank Schätzing, dem soeben wieder ein erstaunlicher neuer Science-Fiction-Bestseller gelungen ist (Limit), absolvierte seine Lehr- und Wanderjahre in einer Werbeagentur, und erzielte dann zunächst mit lokalen Krimis erste Erfolge, bevor ihm mit dem Schwarm der erste große Hit gelang.
Andreas Eschbach, ein anderer sehr erfolgreicher Autor (Das Jesus-Video, Eine Billion Dollar), arbeitete zunächst als Programmierer, bevor er den Sprung ins Autorenleben wagte.
Und Joanne K. Rowling – Aber diese Erfolgsstory der Harry-Potter-Autorin kennt ja nun inzwischen jedes Kind: Vom Aschenputtel als Sozialhilfeempfängerin (nach Jobs als Sprachenlehrerin und als Sekretärin bei Amnesty International) zur Milliardärin in gerade mal einem Dutzend Jahren.
Maler, Musiker und andere
Bei Malern, Musikern und anderen künstlerischen Existenzen ist es nicht so einfach, auch als Spätzünder noch Meisterschaft zu erreichen. Auch als Rennfahrer oder Tenniscrack wird man sich nach der Mitte des Lebens schwer tun, an die Spitze der Karriereleiter zu gelangen. Aber man sollte zumindest versuchen, soweit mit der Entfaltung des Talents zu gelangen wie nur irgend möglich. Am frustrierendsten, bis hin zu schweren Depressionen, ist nämlich das nagende Gefühl, es gar nicht erst versucht zu haben!
Quelle: NN: “Das Evangelium nach St. John”. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 14. Okt 2009
(c) Okt 2009 Jürgen vom Scheidt / Quelle: minotauros-projekt.de