Shiras-Kinder verstecken ihren IQ
Wenn man bei Erwachsenen nach Merkmalen für Hochbegabung sucht, fällt einem sofort eines ein, das bei Kindern noch wenig sinnvoll ist – von schulischen Leistungen und Schulnoten einmal abgesehen: der berufliche Erfolg.
Hochbegabte Kinder, die sich dem Schulsystem sehr gut anpassen und entsprechend gut für die Schule lernen können, besetzen problemlos die ersten Plätze als Klassen- und Schulbeste. Auch als Erwachsene sind diese gesellschaftlich gut angepassten Hochbegabten meistens an der Spitze.
Andere Hochbegabte tun sich da schwerer oder wählen bewusst einen anderen Weg. Der Intelligenzforscher Kurt A. Heller umschrieb dies 1996 in seiner Merkmals-Liste mit einer Vorliebe für »selbst in Gang gesetzte Freizeitaktivitäten«. Mit anderen Worten:
Diese Kinder absolvieren zwar zähneknirschend die Schule, weil das nun einmal von den Erwachsenen so verlangt wird, aber sie strengen sich nicht sonderlich an, sind mit durchschnittlichen Noten zufrieden und schauen nur, dass sie nicht sitzen bleiben und ein passables Abitur erzielen.
Andere, wie Hans Wall (s.u.) werden sogar zu Schulabbrechern, die erst viele Jahre später zeigen, was wirklich in ihnen steckt. Ich bezeichne diese ganz spezielle Gruppe als Shiras-Kinder, nach einer Autorin, die dieses Phänomen in einem Roman beschrieben hat.
Vom Anderssein, Einsamsein und Verstandenwerdenwollen
In ihrem Science-Ficiton-Roman Children of the Atom erzählt Wilmar H. Shiras vom Kinderpsychologen Peter Welles, dem allmählich dämmert, dass einer seiner jungen Patienten, Timothy Paul, das Ausmaß seiner Intelligenz vor der Umwelt versteckt. Er begreift, dass dieser Junge in Wahrheit ein Genie ist, das ein Leben im Verborgenen führt. In dieser Geheimidentität schreibt Timothy bereits als Kind erfolgreiche Bücher und leistet bedeutende wissenschaftliche Forschungsarbeit. Weller widmet sich von da an der Aufgabe, Tim zu helfen und seinesgleichen zu finden – denn es gibt noch andere seiner Art.
In einem Nachwort für eine Neuausgabe des Romans schreibt Marion Zimmer Bradley, selbst weltweit erfolgreiche Autorin von Fantasy und Science-Fiction, etwas Bemerkenswertes:
Das Buch ist die Geschichte [einer] Suche. Doch für uns alle, die wir es in den kritischen konformistischen, ausgleichsorientierten Fünfzigerjahren gelesen haben, war es viel mehr als nur das. […] In der ursprünglichen Novelle ›Versteckspiel‹ sprach Wilmar Shiras die ganze Generation der Science-Fiction-Fans an, die in den Vierziger- und Fünfzigerjahren aufwuchsen. Immer wieder mussten Fans, die diese Geschichte gelesen hatten und in dieser Zeit aufgewachsen waren, eingestehen: ›Sie hat über mich geschrieben.‹
Bradley kommt (1953) zu einem Schluss, der mir typisch für viele Hochbegabte erscheint:
… beraubt man die Novelle aller Science-Fiction-Elemente von Mutanten, die von radioaktiver Strahlung geschaffen wurden, [dann ist sie] die Geschichte des intellektuellen Kindes, das darum kämpft, in einer feindselig gesonnenen Umgebung zu überleben; nicht nur in einer Umgebung, die sich hartnäckig weigert, seine Einzigartigkeit anzuerkennen, sondern auch in einer solchen, die sich aus eigenem Antrieb jedem gegenüber feindlich verhält, der ›anders‹ ist. Allzu viele von uns haben für sich selbst den Kompromiss entdeckt, den auch Timothy Paul einging: das intellektuelle Leben und den Unterschied verzweifelt zu verheimlichen und vorzutäuschen, völlig normaler Durchschnitt zu sein. Es ist die Geschichte eines jeden abspenstigen, intelligenten Kindes, das schon früh im Leben herausgefunden hat, dass es überlegen ist – und verwirrt und unglücklich feststellen muss, dass es stattdessen als unterlegen behandelt wird, als wäre sein Intellekt eine Art Behinderung.
Ich denke, das könnte Joanne K. Rowling unverändert ebenfalls so sehen. Ihre Fantasy-Reihe über Harry Potter ist eine einzige Variation des selben Themas: Ein ungewöhnlich begabtes Kind unter verständnislosen, ja feindseligen Muggles (wie die Zauberer die normalen Menschen nennen) – aber auch in Auseinandersetzung mit Zauberern seinesgleichen, welche die Muggles vernichten und allein die Macht über die Welt ausüben möchten.
Es würde zu weit führen, an dieser Stelle auf Harry Potter und die Hochbegabten in Fantasy und Science-Fiction näher einzugehen – s. hierzu auf meiner anderen Website www.hyperwriting.de die Beiträge J.K.Rowling und Harry Potter sowie in meinem Sachbuch Das Drama der Hochbegabten das Kapitel “Hochbegabte in der Science Fiction” (S. 294-296).
Heinrich Böll – ein mittelmäßiger bis schlechter Schüler
Ein sehr gutes Beispiel für ein Shiras-Kind ist Heinrich Böll (1917-1985). Der spätere Erfolgsautor und Nobelpreisträger (1972) zeigte in der Schulenichts von dem, was an Begabungen in ihm steckte. Im Abiturzeugnis wurde sein Gesamterfolg als “ausreichend” benannt, im Fach Deutsch erhielt er gerade noch ein “genügend”. Dass in diesem Schüler einer der großen Moralisten der Nachkriegszeit steckte, war aus seinem “charakterlichen und geistigen Streben” ebenfalls noch nicht ersichtlich: dieses wurde von den Lehrern gerademal als “zufriedenstellend” bezeichnet. (Koldehoff 2009).
Ein anderes Beispiel ist der Berliner Unternehmer Hans Wall, der es vom Schulabbrecher über eine Ausbildung als Mechaniker bis zum vielfachen Millionär brachte – Details im Beitrag Spätzünder: Hans Wall.
Quellen
Bradley, Marion Zimmer: »Nachwort« (1978). In: Shiras, Wilmar: Children of the Atom (1953), S. 232–236
Heller, Kurt A.: »Begabtenförderung – (k)ein Thema in der Grundschule«. In: Grundschule, Nr. 5/1996
Heller, Kurt A.: Hochbegabung im Kindes- und Jugendalter. 2. überarb. und erw. Aufl.. 509 Seiten mit Abb. Göttingen 2001 (Hogrefe) 89.00 DM. [Bericht über eine der umfassendsten Hochbegabungsstudien der Gegenwart.]
Koldehoff, Stefan: “Forschung in Trümmern”. In: Südd. Zeitung vom 5. März 2009
Shiras, Wilmar H.: Children of the Atom. (1953). Deutsche Ausgabe: Kinder des Atoms. Berlin 1983 (Ullstein)
Wall, Hans: “Aus diesem Jungen wied nie was…”. München 2009 (Heyne)
(c) Nov 2009 Jürgen vom Scheidt / Quelle: minotauros-projekt.de