Ruth Cohn 97

Es gibt Menschen, die in der Öffentlichkeit wenig präsent sind – und trotzdem die Welt nachhaltig verändert haben. Sie sind für die Medien (die ja unser Weltbild heutzutage am nachhaltigsten prägen) scheinbar nicht wichtig – und bewirken im Hintergrund dennoch mehr als man zunächst mitbekommt. Weil sie viele Menschen nachhaltig beeinflussen, die ihre Botschaft gerne an viele anderen Menschen weitergeben.

Nachtrag: Am 30. Januar 2010 ist Ruth Cohn “friedlich entschlafen”, wie uns mitgeteilt wurde. Wir werden uns ihrer immer in großere Dankbarkeit erinnern.

Dr. Ruth C. Cohn, die Gründerin und Entwicklerin von TZI, ist so ein Mensch. Gestern, am 27. August 2009, ist sie 97 Jahre alt geworden. Ein willkommener Anlass, dass ich ihr einmal für all das danke, was ich von ihr, als geistiger Ziehmutter,  bekommen habe. Wir hatten immer wieder Kontakt miteinander, in Seminaren (davon leider viel zu wenig).

Einmal konnte ich ihr helfen, den Zugang in ein sehr schwieriges Buchmanuskript zu finden, in dem sie endlich den Nachlass von Alfred Farau verarbeiten wollte. Das war eigentlich die intensivste unserer Begegnungen: Drei Tage in ständigem Gespräch und kreativer Zusammenarbeit. Vor allem war es eine Möglichkeit, ihr ein wenig von meinen Erfahrungen als Buchautor als Dank dafür zurückzugeben, gewissermaßen, für das, was ich durch TZI an Bereichung für mein Leben und meine Arbeit erfahren habe.

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Eines der Goldenen Worte, das ic h mir aus Ruth Cohns Seminaren mitgenommen habe, prägte Sie in der Schlussrunde eines ihrer Workshops. Alle waren ganz hektisch und wollten unbedingt noch “wichtige Themen erledigen”. Da beschwichtigte sie auf ihre unnahmachliche Art die aufgeregte Runde und sagte:

“Wir haben nur noch wenig Zeit – deshalb müssen wir ganz langsam machen.”

Das wirkte wie ein Zauberspruch. Und man glaubt es kaum: Es wurde nicht nur ruhig, sondern alle wichtigen Themen wurden wenn nicht erledigt, so zumindest doch angesprochen. Und letzteres genügt ja oft schon.

Wie das bei mir begonnen hat?

1974 musste ich in Vlotho an der Weser im Rahmen meiner damaligen Arbeit in der Drogenberatung ein Seminar mit 40 Jugenschutz-Mitarbeitern aus Nordrhein-Westfalen leiten. Obwohl ich keinerlei Erfahrung im Leiten von Seminaren hatte, gelang das Kunststück recht gut. Als ich heimfuhr, wusste ich: Was mir da mit Anfängerglück gelungen war, das will ich richtig professionell lernen. Aber wie und wo?  Herr Rietz, der Leiter des Jugendhofs in Vlotho, wo das Seminar stattgefunden hatte, gab mir den entscheidenden Tipp: “Sie müssen unbedingt zu Ruth Cohn gehen!”

Und so begann es. Die Ausbildung in TZI war nicht leicht und verlangte viele Opfer an Zeit, Geld, nicht zuletzt aber an Aufgeben alter Vorstellungen. Langer Rede kurzer Sinn:

Herzlichen Glückwunsch, Ruth Cohn, zum 97. Geburtstag. Ohhne Dich und TZI wäre die Welt sehr viel ärmer.

Ich habe viel von Dir und Deinen Schülern gelernt und ich gebe das Gelernte gerne weiter.

Das letzte Mal haben wir uns vor ziemlich genau zehn Jahren gesehen, bei meinem Besuch bei Dir in Neuscheuer am Hasliberg. Davon stammt das Foto.

Über die Aktivitäten von Ruth Cohn und ihren Mitarbeitern  erfährt man alles Wichtige beim Ruth-Cohn-Institut. Hier ein Zitat aus einem Brief (vom 9. Sep 1997) an mich, der ein historisches Schmankerl enthält, nämlich über die Entstehung der TZI:

Ich habe wirklich die TZI und ihre erste Gestaltung in totaler Einsamkeit und nur mit Gottes Hilfe kreieren können. Das wissen im Grunde alle, die in den Gegenübertragungsworkshops waren, auch Norman Libermann, der es zum Ausdruck brachte und mir übermittelt hat, daß ich eines Tages zu dieser Gruppe kam, ausrufend: “Jetzt weiß ich’s, jetzt können wir’s lehren!” Und damals hatte ich in mühevollster monatelanger Isolation die theoretischen Grundlagen (das Dreieck in der Kugel respektive die gleichseitige Pyramide, die dynamische Balance, die philosophischen Grundlagen) zusammengebaut. Die Gruppe selbst hatte mit dieser Arbeit und den Grundbegriffen noch nichts zu tun. Es war jedoch in späteren Gruppen und auch mit Einzelheiten, wie die Namensbildung der Organisation, Tatsache, daß die ersten Versuche der TZI-workshops weitere Fortschritte gebracht haben. Den Namen WILL* hat tatsächlich Norman Liberman während einer Autofahrt als Produkt unseres Dialogs endgültig formuliert.

* WILL = Akronym für Workshop Institute für Living Learning; daraus wurde später WILL-Europa, dann das TZI-Forum und schließlich, in der heutigen Gestalt, das Ruth-Cohn-Institut. Norman Liberman war ein inspirierender Graduierter der ersten Stunde, von dem ich ebenfalls viel gelernt habe, als Seminarteilnehmer ebenso wie als Ko-Leiter während der TZI-Ausbildung. 

Literatur
Cohn, Ruth: Von der Psychoanalyse zur Themenzentrierten Interaktion. Stuttgart 1973 (Klett)
Cohn, Ruth C. und Alfred Farau: Gelebte Geschichte der Psychotherapie. Zwei Perspektiven. Stuttgart 1984 (Klett Cotta)

# 124 (c) April 2010 ( Aug 2009) Jürgen vom Scheidt / Quelle: minotauros-projekt.de

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