MINOTAUROS IST IMMER UND ÜBERALL (Seminar 05)
Jedes der Seminare des Minotauros-Projekts haben wir unter ein spezielles Thema gestellt. Im fünften Wochenende vom 18.-20. Mai 2012 werden wir uns mit dem Namengeber des Jahres-Kurses befasssen: dem Minotauros.
Diese Themen orientieren sich am Konzept der Heldenreise. Die Begegnung mit dem Minotauros, der immer und überall ist entspricht zunächst dem, was man in der Mythenforschung und in der Drehbuch- wie in der Roman-Dramaturgie als die Begegnung mit dem Widersacher bezeichnet.
Dieser Figur draußen in der Welt (als Feind, Bösewicht, Widersacher, Antagonist) hat ihre Entsprechung im Inneren unserer Persönlichkeit: als Persönlichkeitsanteil (Teil-Persönlichkeit), die man umgangssprachlich gerne als Inneren Schweinehund bezeichnet. Gemeint sind damit jene Anteile, die einen daran hindern, das zu tun, was der Verstand uns als sinnvoll und notwendig vorstellt: Mit dem Rauchen aufhören, endlich Buchführung und Steuererklärung machen, eine neue Hose kaufen -
Tiefenpsychologisch kann man diese Figur auch als eine Erscheinungsform des Inneres Kindes verstehen, das im Erwachsenen noch sehr präsent ist und über ein enormes Beharrungsvermögen und entsprechende Durchsetzungskraft verfügt. Dieses Innere Kind hat nämlich gewissermaßen die Kontrolle über den innersten Kern unserer Persönlichkeit und damit über unseren Körper. Wer jemals unter einer Sucht gelitten hat, weiß sicher sofort, was ich meine.
Der Bezug zum Inneren Kind zeigt zugleich auf, dass es sich beim Minotauros keineswegs nur um eine negative Figur handelt. Der Tiefenpsychologe und Mythenforscher C.G. Jung hat solche zunächst eher negativ erlebten seelischen Kräfte als Schatten bezeichnet.
In unserem Verständnis und im Rahmen der Heldenreise ist der Minotauros (oder auch der Drache) der Hüter des Schatzes, den es zu finden und zu heben gilt. Dieser Schatz ist nicht anderes als das ungelebte Potenzial in jedem Menschen – so wie es im biblischen Gleichnis von den Talenten und vom Schatz im Weinberg beschrieben wird, den man nicht brachliegen lassen darf, sondern mit dem man arbeiten muss.
Wer zum Beispiel in Kindheit und/oder Jugend aus verständlichem Trotz sich dem Schulsystem verweigert hat, für den/die wird sich der gesammelte Trotz später im Erwachsenenleben leicht als Verweigerung von notwendiger Anpassung in den Weg stellen. Ein zentrales Problem der Underachiever unter den Hochbegabten, für das es nur eine mögliche Lösung gibt: Einsicht, neue Entscheidungen und allmählicher Abau der Verweigerung – ohne jedoch die sinnvollen Aspekte dieser Verweigerung über Bord zu werfen.
Hier im Seminar werden wir uns dem Thema schreibend nähern und unserem Buch das sich von selbst schreibt weitere Texte hinzufügen. PEN, die Elementare Triade von Publizieren, Evaluieren und Networking wird wieder eine wichtige Rolle spielen, wobei wir – wie im vorangehenden Seminar ABSTIEG IN DIE ANDERWELT – vor allem noch beim Evaluieren bleiben werden: Schließlich ist das angemessene und sinnvolle Bewerten eine Kompetenz, die dem Inneren Widersacher Minotauros besondere Probleme bereitet.
#137 (c) 22. Jan 2012 (07. Mai 2010) Jürgen vom Scheidt / Quelle: minotauros-projekt.de