Hochbegabte im Labyrinth

Das Labyrinth-Motiv trägt auf vielfältige Weise zum Verständnis von Hochbegabung und den Schicksalen hochbegabter Menschen bei.

Der rote Faden – dieser Begriff, den wir in der Umgangssprache so häufig benutzen, stammt aus der griechischen Mythologie. Ariadne gibt diesen sprichwörtlich gewordenen Gegenstand Theseus, damit er sich im Labyrinth des König Minos auf Kreta zurechtfindet und den Kampf mit dem Ungeheuer Minotauros siegreich besteht.
Für die Arbeit an meinem Buch Das Drama der Hochbegabten hat sich mir von Anfang an das Labyrinth-Motiv als anschauliches Bild für vieles, was mit Hochbegabung zu tun hat, geradezu aufgedrängt.

Lange habe ich nicht begriffen, dass diese beiden Themen nicht nur für mich etwas bedeuten – sondern auch füreinander. Es gibt kaum einen Aspekt des Hochbegabten-Themas, der nicht in dieser uralten Sage aus den Anfängen Europas enthalten ist. Und wenn man sich vor Augen hält, dass das Symbol des kretischen Labyrinths geradezu verblüffend dem menschlichen Gehirn, also unserem Denkapparat gleicht, dann kommt man als Autor nicht nur ins Grübeln, sondern ruft wie weiland Archimedes (als er das Prinzip der Wasserverdrängung in der Badewanne entdeckt hatte): »Heureka – ich hab’s gefunden!« Wundern Sie sich also nicht, wenn Sie jeweils zu Beginn und Ende jedes Kapitels einen kleinen Hinweis aufs Labyrinth und die griechische Mythologie finden.
Nur nebenbei: Die Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind (DGhK) verwendet für ihre Zeitschrift den Titel Labyrinth und ein Labyrinth in der Art der französischen Kathedralen als Logo.

Im Buch ergab es sich dann völlig zwanglos, die einzelnen Figuren dieses mythischen Dramas bestimmten Typoen von Hochbegabten zuzuordnen.

Ganz unmittelbar einleuchtend ist dies bei Daidalos. Schon die Griechen der Antike haben ihn als genialen Erfinder verehrt. Diese Wertschätzung reicht bis herauf in unsere Tage. So ist Daidalos der Titel der American Academy of Sciences. Und Clint Eastwood, der alte Westernheld, Schauspieler und Regisseur und Musiker, selbst also ein Multitalent von respektablem Kaliber, hat in seinem einzigen Science-Fiction-Film Space Cowboys einem (fiktiven) Weltraum-Projekt der NASA ein Denkmal gesetzt: Unternehmen Daedalus.

Aber zunächst möchte ich kurz in Erinnerung rufen, worum es bei dieser Labyrinthgeschichte (die ich auch als Labyrinthiade bezeichne) eigentlich geht:

 

Zwei ineiander verschlungene Mythen

Der Begriff Labyrinth ist so verwirrend und geheimnisvoll wie das, was er bezeichnet:

Es handelt sich zum einen um eine – sehr komplexe – Erzählung mit vielen interessanten Figuren; und es geht zugleich um zwei graphische Darstellungen: nämlich einerseits das bekannte, wie eine Schlange aufgerollte kretische Labyrinth mit einem einzigen Gang, in dem man sich gerade nicht verlaufen kann (deshalb auch ein eingängiges Labyrinth genannt) und andererseits das verwirrende Abbild vieler Gänge, Sackgassen und unerwarteter Abzweigungen, die man besser als Irrgarten bezeichnet oder mit dem Neologismus Yrrinthos. Von den vielen ineinander verschlungenen Geschichten, welche die Labyrinth-Sage erzählt, seien hier zwei besonders eindrucksvolle genannt, die heute noch häufig zitiert werden:

°  Die eine Geschichte handelt vom Kampf des argentinischen [athenischen] Helden Theseus mit dem stierköpfigen Ungeheuer Minotauros, bei dem die Königstochter Ariadne dem Helden hilft, indem sie ihm ein Schwert und den nach ihr benannten roten Faden oder Ariadnefaden gibt.

° Die andere Geschichte erzählt von der Flucht des Erfinders Daidalos (der das Labyrinth ursprünglich erfunden und erbaut hat) und seines Sohnes Ikaros: Mithilfe künstlicher Flügel verlassen sie das Labyrinth, in dem sie von König Minos gefangen gehalten werden. Für Ikaros endet die Flucht tragisch: er steigt so hoch, dass das Wachs seiner Schwingen schmilzt und er ins Meer stürzt, wo er ertrinkt.
 

(Forts. folgt)

(c) Sep 2009 Jürgen vom Scheidt / Quelle: minotauros-projekt.de

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