Geben & nehmen 2/3

Was bei dieser Kosten-Nutzen-Rechnung bisher völlig außer Acht gelassen wurde, ist das Wesentliche (das man  gerne übersieht):

Wer hochbegabt ist, hat von Mutter Natur oder von wem auch immer, ein unglaubliches Geschenk erhalten, eine Vorausleistung gewissermaßen: Nämlich die Hochbegabung. Also ein Gehirn, das schneller und komplexer zu denken vermag als das von 97 Prozent der übrigen Bevölkerung (wenn man mal die übliche akademische Definition von Hochbegabung akzeptiert).

Wer mit diesem Bonus ins Rennen geht, hat meines Erachtens auch eine Verpflichtung: nämlich mit diesem Bonus etwas Angemessenes anzufangen:

° zunächst einmal zum Wohl der eigenen Person und des eigenen Schicksals;
° dann aber auch in irgendeiner Weise zum Wohle der gesamten übrigen Menschheit.

Ich weiß, letzteres liest sich bestimmt etwas pathetisch. Aber das macht nichts. Denn nun kommen wir zum Kern der ganzen Kosten-Nutzen-Rechnung, die ich im vorangehenden Beitrag angestellt habe. Man kann die Hochbegabten nämlich in drei Gruppen teilen, je nachdem, wie sie sich diesem Bonus gegenüber verhalten:

1. Die Erfolgreichen Egoisten (ob Überflieger oder einfach angemessen ihre Talente realisierend), die nur an sich selbst und vielleicht noch an die allerengsten Mitmenschen denken.

2. Die Erfolgreichen Altruisten, die sich irgendwann besinnen, dass sie da wirklich ein Geschenk bekommen haben (sowohl bei der Geburt durch entsprechend leistungsfähiges Erbgut als auch später durch adäquate Förderung in Familie und Schule etc.) und die nun die weniger Privilegierten an ihren Erfolgen teilhaben lassen. Beispiele: Bill Gates, Hans Wall, Joanne K. Rowling und viele andere großzügige Spender und Sponsoren. Es gibt aber noch unzählige Hochbegabte, die finanziell weniger spektakulär oder in ehrenamtlicher Tätigkeit helfen, weil sie sich dessen bewusst sind, dass nicht nur materielles Eigentum verpflichtet – sondern auch geistiges wie es die Hochbegabung nun einmal ist, gleich in welcher Form.

3. Die Latenten Talente, die noch gar nicht wissen, dass sie hochbegabt sind.

Letztere kann man noch einmal deutlich unterteilen, in zwei Teilgruppen:

3.1 Latente Talente, die irgendwann ihr brachliegendes Potential auch als Verpflichtung zur Realisierung erkennen und anfangen, etwas für sich zu tun. Für sie habe ich diese Rechnung von Geben & Nehmen aufgemacht: um sie an eben diese Verpflichtung zu erinnern. Diese Verpflichtung haben sie ja erst einmal nur sich selbst gegenüber. Nach angemessener Realisierung des Potentials sollten sie dieses aber auch im Sinne der 2. Gruppe irgendwann (ich betone: irgendwann) anderen zur Verfügung stellen können. Zum Beispiel als Mentoren. So habe ich diese Aufgabe jedenfalls irgendwann für mich selbst verstanden und akzeptiert.

3.2 Totale Underachiever, die sich diesem Realisierungs-Projekt (wie ich es mal nennen möchte) völlig verweigern. Sie sind eigentlich nur zu bedauern. Immerhin richten sie keinen Schaden an, wie es die aus der 1. Gruppe häufig durch ihren Egoismus und ihre Rücksichtslosigkeit tun.
Ich muss mich korrigieren: Schaden richten sie dennoch an: nämlich sich selbst gegenüber. Aber das muss jeder Mensch mit sich selbst ausmachen.

Es gibt aber noch etwas, das man bei uns bekommt, gewissermaßen nebenbei:

(Forts. folgt)

(c) Nov 2009 Jürgen vom Scheidt / Quelle: minotauros-projekt.de

2 Kommentare

  1. Helmut Blomenkemper sagt:

    Ich sehe diese in Ihrer Einleitung formulierte “naturgegebene” Verpflichtung grundsätzlich eher nicht und ganz und gar nicht als “Sonderverpflichtung” für Hochbegabte – sie ist auch philosophisch sehr schwach von Ihnen begründet.
    Wenn überhaupt, dann kann es nur eine generelle Verpflichtung für jedes einzelne Individuum geben, seine Fähigkeiten zum Wohl der eigenen Person und/oder zum Wohl der Gemeinschaft einzusetzen.
    Ist ein talentierter Fußballspieler dazu verpflichtet, Profifußballer in der Bundesliga zu werden?
    Ist ein musikalisch hoch begabtes Individuum verpflichtet, die Gemeinschaft mit neuen Symphonien zu beglücken?
    Ich würde darauf mit einem klaren “Nein” antworten wollen.
    Und ebenso wenig wäre für mich ein begnadeter Mathematiker verpflichtet, mathematische Probleme “für uns” zu lösen.
    Es würde aber vieles dafür sprechen, dass begabte Individuen es dennoch aus ganz anderen Motiven tun würden, wenn sie auf ein Lebensumfeld treffen, dass ihre Gesamtpersönlichkeit wahrnimmt und die Entfaltung ihrer Begabung fördernd unterstützt. Es bedarf dazu keines besonderen “in die Pflicht nehmens”.

  2. Danke, Helmut Blomenkemper:
    Ich wollte diesen Beitrag philosophisch nicht so hoch hängen, bin ja auch Psychologe und nicht Philosoph. Ich meine das schon eher in dem von Ihnen genannten Sinne: nämlich dass man HB überhaupt realisieren sollte – vor allem zunächst mal zum Wohle des eigenen “seelischen Haushalts”.
    Die “Selbst-Verpflichtung”, darüberhinaus auch etwas für die Allgemeinheit zu tun, kommt dann von ganz allein – wenn man selbst gut zurandekommt.
    J. vom Scheidt