Die Tabellenfrau
(Story von Monika di Bernardo)
Sie liebte Tabellen.
Ihren neuen Kollegen war bald aufgefallen, daß sie auch komplizierte Zusammenhänge übersichtlich in Tabellen darstellen konnte.
Sie tat das nicht, um sich hervorzutun. Sie tat es für sich selbst. Wenn sie Informationen zu einem Thema gesammelt und diese ordentlich in Spalten aufgegliedert hatte, fühlte sie sich wohl. Sie hatte das gute Gefühl, etwas erledigt zu haben. Sie hatte sich Übersicht verschafft, konnte jederzeit darauf zurückgreifen oder neue Datenblätter daraus erarbeiten. Das gab ihr Sicherheit.
Schon das Erstellen von Formblättern, Tabellen ohne Inhalt, verschaffte ihr tiefe Befriedigung. Diese Vorlagen hatte sie immer vor ihrem inneren Auge. Auf diese Weise konnte sie schon im Kopf alle Daten zuordnen und sorgfältig strukturieren.
Die Kolleginnen fanden ihre Tabellen häufig, wenn sie nicht schnell genug am gemeinsamen Drucker war. Die erfreuten Ausrufe waren ihr fast peinlich: ” Das ist aber übersichtlich!” Den freundlichen Spott, der sich bald anschloß, nahm sie gleichmütig hin. Zum Glück kannten die Kolleginnen ihre Wohnung nicht. Dort war es nicht ungewöhnlich sauber oder aufgeräumt, aber die Schränke waren entlarvend.
Alles hatte seinen Platz. Egal, was aufbewahrt wurde, es bestand eine innere Ordnung. Diese war nicht gleich für jeden ersichtlich. Nur im Kleiderschrank konnte auch ein fremdes Auge erkennen, daß hier alles militärisch ausgerichtet war. Die Hosen hingen, mit einheitlichem Bügel, in der linken Ecke. Darauf folgten die kurzen Röcke, dann die langen. Ganz rechts hingen die Kleider und einige besonders schöne Blusen. Die restlichen Blusen lagen akkurat gefaltet in einem Fach. Die Stapel waren farblich abgestimmt. Alle blauen Blusen lagen aufeinander – sie liebte blaue Blusen – die restlichen lagen in harmonischer Farbfolge im anderen Stapel. Ähnlich war es mit der Wäsche, den Strümpfen, den Pullovern.
Obwohl sie bügeln haßte, bügelte sie sogar ihre Unterhemden. Sie ließen sich sonst nicht gut falten, boten keinen schönen Anblick.
Geschirr und Gläser waren nach Größe und Häufigkeit des Gebrauchs geordnet. Bei den Alkoholika allerdings waren die Flaschen nicht nach Größe, sondern wie in einer Bar, nach der Art des Getränkes zusammengestellt. Aperitifs, Liköre für Longdrinks, Schnäpse, edler Whisky.
Ihre größte Sorgfalt galt den Büchern. Leider waren alle Regale so voll, daß sie die Fächer zweireihig nutzen mußte, um die themenweise Belegung einigermaßen einzuhalten.
Dadurch ging ein wenig Übersichtlichkeit verloren. Das verschaffte ihr beinahe körperliches Unbehagen. Es war wie in Computertabellen, in denen einzelne Spalten zu klein für den Text waren. Dort mußte man die Zellengröße anpassen. Dadurch verschob sich alles. Die Überschriften paßten nicht mehr richtig. Die Zuordnung fiel schwer.
Ordnung schaffen
Das machte sie nervös und unsicher. Genauso wie bei ihren Tabellen, hatte sie auch beim Räumen in ihren Schränken das Gefühl nicht nur eine äußere, sondern auch eine innere Ordnung zu schaffen. Sie ordnete ihr Leben.
Im Laufe der Zeit ging sie dazu über, dieses Wohlgefühl auch auf andere Bereiche zu übertragen. Sie besuchte ein Zeitmanagementseminar. Dort wurde ein System angeboten, mit dessen Hilfe man seine Zeit in Formblätter eintragen und planen konnte. Das erwies sich für die Arbeit als ausgesprochen hilfreich.
Diese Möglichkeiten gefielen ihr so gut, daß sie begann, auch private Verabredungen in Vordrucke einzutragen. Sie nutzte die Tages – und Wochenpläne ihres Zeitplaners.
Dann entdeckte sie Formblätter für die private Budgetplanung. Sie trug ihr Gehalt und die Ausgaben in die verschiedenen Übersichten ein. Es gab ein Blatt für feste Posten wie Miete, Versicherungen und so weiter. Die täglichen Einkäufe wurden auf Wochenblättern festgehalten. Für das ganze Jahr gab es schließlich einen Vordruck, in dem sie Einnahmen und Ausgaben am Ende auf einen Blick erkennen konnte.
Auch die Urlaubsplanung für dieses und nächstes Jahr, einschließlich der Finanzplanung, paßte in eine Tabelle, immer mit Querverweisen zu den anderen Listen, in denen die allgemeinen Finanzen eingetragen waren.
Inzwischen hatte sie auch zu Hause einen Computer, der ihr die Arbeit sehr erleichterte.
Sie schrieb immer neue Tabellen und erstellte schließlich eigene Formblätter. Sie schuf ihr privates Kochbuch, erstellte Übersichten über ihre Videos, ihre CDs und ihre Bücher.
Die Pläne reichten immer weiter. Sowohl berufliche wie private Ideen und Ziele hatten ihr festes Kästchen in einer der vielen Tabellen.
Mit einem neuen Programm ließ sie bald den Computer nach jeder eingetragenen Ausgabe im Haushaltsbuch errechnen, wieviel Geld ihr noch zur Verfügung stand.
Immer kompliziertere Zusammenhänge konnte sie errechnen lassen und in ihre Tabellen eintragen.
So erstellte ihr der PC auf Anfrage eine Übersicht, welchen ihrer Freunde sie zuletzt wie lange gesehen hatte und wen sie als nächstes anrufen sollte, um ein Treffen zu vereinbaren. Freundschaften mußte man pflegen.
Schließlich wurden die Tage vom Computer in allen Einzelheiten durchgeplant, vom Aufstehen über die Zeit, die sie im Bad verbringen durfte, bis hin zu Vorgaben, welches Buch sie in welcher Zeit zu lesen hatte.
Eines abends, als sie und ihr Helfer wieder mit Planungen beschäftigt waren, warf der Drucker eine Tabelle aus, in der die Aktionen für die nächste Zeit dargestellt waren. Sie würde sehr beschäftigt sein. Doch plötzlich stutzte sie. Was hatte er da errechnet?
Das konnte doch nicht sein!
Was war das?
Sie gab ihre Daten erneut ein und ließ den Computer arbeiten. Was war das? Das gleiche Ergebnis!
Am Ende der Tabelle war ihr Tod angezeigt!
Alle Aktivitäten mündeten in diesem einen Feld.
Es gab keinen Zweifel: am Ende der nächsten Planungseinheit stand ihr Tod!
In der nächsten Woche lebte sie genau nach Plan. Alle Vorgaben wurden gewissenhaft erfüllt.
Sie kaufte Lebensmittel in geeigneter Menge, so daß sie genau bis zum Wochenende ausreichten. Sie ging zum monatlichen Treffen ihres Frauenstammtisches und ins Kino. Sie brachte ihr Auto zur Inspektion.
Als alles erledigt und sie im letzten Feld angelangt war, holte sie ihre Tabelle, auf der die verschiedenen Möglichkeiten zur Selbsttötung aufgelistet waren. Zum Glück hatte sie schon vor langer Zeit die beste Methode ausgearbeitet. So hatte sie alle nötigen Hilfsmittel zur Hand.
Noch einmal gab sie dem Computer die aktuellen Daten ein. Die Tabelle die er daraufhin errechnete, zeigte wieder ihren Tod und danach nur leere Felder. Es gab also wirklich nichts mehr zu tun. Sie zweifelte keine Sekunde an der Korrektheit des Ergebnisses.
Sie speicherte die Datei ein letztes Mal, schloß sie aber nicht. Daraufhin arrangierte sie die Blumen, die sie ohne Anweisung besorgt hatte, neben ihrem treuen, elektronischen Freund.
Das erste und letzte Mal hielt sie sich nicht bis ins Detail an die Vorgaben. Statt des empfohlenen Wassers, schenkte sie sich Champagner ein, legte ihre Lieblings-CD auf und zündete einige Kerzen an.
Dann nahm sie die Tabletten.
(c) 2009 Monika di Bernardo / Quelle: minotauros-projekt.de
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