Die Reise des Helden

Helden – Heldenreise? Sind das nicht recht antiquierte Begriffe? Keineswegs. Hollywood setzt das Konzept der Heldenreise als dramaturgisches Rezept seit vielen Jahren äußerst erfolgreich ein – in der ganzen Welt. Auch für unsere Arbeit im Minotauros-Projekt ist das Konzept von zentraler Bedeutung. 

Idealtypischer Verlauf einer Heldenreise in 14 Stationen (Grafik: IAK 2009 _ Jutta Weitze)

Idealtypischer Verlauf einer Heldenreise in 14 Stationen (Grafik: IAK 2009 _ Jutta Weitze)

Das Konzept der Heldenreise lässt sich in allen Erzählungen der Welt nachweisen. Es ist eine Grundstruktur des Lebens, die bei jeder tiefgreifenden Veränderung wirksam wird.
Sogar der Autor, der in einem Roman oder Drehbuch diese Reise seiner Hauptfigur darstellt – macht selbst so eine Heldenreise mit allen Höhen und Tiefen.
Noch mehr Tiefe bekommt die Erzählung wenn auch die Heldenreise des Widersachers aufgedeckt und einbezogen wird.
Und was ist mit dem Leser des Werks?
Was mit dem Kritiker?
Das Abenteuer des Theseus im Labyrinth ist eine Art Ur-Modell der Heldenreise.

Der amerikanische Forscher Joseph Campbell hat viele Mythen, Märchen und moderne Erzählungen analysiert und daraus ein grundlegendes Modell des Ablaufs dieser abenteuerlichen Reisen entwickelt.
Er folgt dabei Ideen und Untersuchungen seiner Vorläufer Leo Frobenius und C.G. Jung.
Insbesondere inspirierte Campbell das Eindringen des athenischen Königssohns Theseus in das Labyrinth von Kreta und sein Sieg über den schrecklichen Minotauros (Details: Labyrinthiade). Dieser Mythos ist für ihn geradezu das Modell* aller Heldenreisen.
* Das eigentliche Ur-Modell der Heldenreise ist allerdings der älteste überlieferte Mythos der Welt: das Gilgamesch-Epos.
 

Theseus im Labyrinth

0. Vor-Geschichte
Diese Sage könnte man als eine der ältesten Darstellungen einer Heldenreise verstehen (nur das „Gilgamesch-Epos“ ist vieleicht noch älter).
Der Stadtstaat Athen wurde von der Seemacht Kreta besiegt. Alle sieben Jahre müssen sieben junge Frauen und junge Männer als Tribut nach Kreta geschickt werden – dort werden sie im Labyrinth dem Ungeheuer Minotauros geopfert.
Der Held Theseus hat schon viele Abenteuer bestanden, bevor er nach Athen kommt, wo sein Vater Aigeos König ist.
Seine Stiefmutter Medea will ihn mit einem Gifttrank ermorden, um ihre Söhne als Thronfolger zu begünstigen. Das Komplott wird entdeckt und Medea verjagt.
Als die Zeit des Opfers kommt und die 14 Geiseln für Kreta ausgewählt werden, wird Theseus als Sohn des Königs zunächst verschont. Er stellt sich jedoch freiwillig zur Verfügung. und sticht mit in See.
Als Konflikt könnte man die politischen Auseinandersetzungen zwischen Athen und Kreta um die Vormachtstellung im Mittelmeer sehen – aber auch Theseus´ inneren (Vater-Sohn-)Konflikt, dass ihm die Königswürde noch nicht sicher ist.

1. Das Dilemma steigert sich zum Konflikt (Agon)
- den der Protagonist noch nicht lösen kann. Im Falle des Theseus ist dies meines Erechtens seine noch unklare Rolle als Thronfolger, die er durch Heldentaten erst noch sichern muss. Seine Reise mit den Geiseln nach Kreta ist hierzu der erste Schritt.

2. Call to Adventure
Dieser Ruf des Abenteuers, dem sich der Held typischerweise zunächst verweigert und den er oft erst beim dritten Mal befolgt wird, ist im Falle des Theseus nicht klar erkennbar. Allenfalls kann man seine Bereitschaft, mit den athenischen Geiseln nach Kreta zu segeln, so interpretieren. Der Vater und König will dies ja erst nicht zulassen - aber der Ruf ist stärker, und so folgt ihm Theseus endlich.

3. Überschreiten der Schwelle
Eine erste Schwellenüberschreitung ist schon die Seefahrt von Athen nach Kreta. Doch zum eigentlichen Überschreiten der Schwelle (Grenzüberschreitung) und zum Betreten der AnderWelt oder Abstieg in die Unterwelt kommt es erst auf Kreta selbst. Diese AnderWelt, oft als Nacht dargestellt oder als Höhle, ist in diesem Falle eindeutig das schreckliche Labyrinth – für Joseph Campbell (1943) geradezu das Urbild der Unterwelt.
Der Hüter der Schwelle, der das Betreten der AnderWelt verhindern will, ist hier nicht klar sichtbar. In dieser Rolle könnte man den Vater von Theseus sehen, der den Sohn nicht in das gefahrvolle Abenteuer auf Kreta ziehen lassen möchte.

4. Der Mentor tritt (erneut) auf und gibt wichtige Tipps
In der Labyrinth-Geschichte könnte Ariadne diese Funktion zukommen, wenn auch in höchst ungewöhnlicher Form: als Geliebte, die ihm erklärt, wie der Prinz sich im Labyrinth zurechtfinden kann, aus dem noch niemand zuvor entkommen ist.

5. Ein Amulett (Talisman) wird geschenkt
Der Rote Faden, den Ariadne dem Theseus als Hilfsmittel für den Gang durch das Labyrinth schenkt (dazu noch ein Schwert als Waffe).

6. Hindernisse und Prüfungen
Dies sind die verschiedenen Etappen von Theseus´ Weg durch das Labyrinth.

7.  Helfer des Widersachers
Sie kommen in der Labyrinth-Geschichte nicht vor (wenn man König Minos und den Erfinder Daidalos als den Erbauer des Labyrinths einmal außer Acht lässt).

8. Auftreten des eigentlichen Widersachers (Antagonist) 
Dies ist fraglos der Minotauros, mit dem Theseus um sein Leben und um das der athenischen Geiseln kämpfen muss.

9. Der existenzieller Tiefpunkt des Helden ist zugleich der Höhepunkt der Handlung
Der Held ist dem Widersacher zunächst nicht gewachsen, weicht aus, wird besiegt, erleidet völlige Hilflosigkeit und tiefste Verzweiflung. Dieser Dramatische Knoten und diese totale Blockade wird von Theseus und anderen antiken Helden nicht überliefert. Sie sind keine Zauderer, sondern rasch zupackende Helden. Sie ist uns jedoch sehr vertraut im Zaudern von Jesus im Garten Gethsema: „Herr, lass diesen Kelch an mir vorübergehen.“

10. Verborgene Kräfte und Talente werden mobilisiert – der Kampf gewagt und gewonnen
Es gelingt dem Helden, verborgene Kräfte zu mobisieren und den Widersacher zu besiegen – Helfer (Freunde) und magische Werkzeuge treten eventuell unterstützend in Aktion. Der Sieg über den Widersacher setzt im Helden ungeahnte Kräfte frei. Diese Lysis (griech. für Lösung – nämlich des Dramatischen Knotens) ermöglicht ihm die Rückkehr in die Oberwelt.
In der Labyrinthiade ist dies die Begegnung des Theseus mit dem Minotauros (auch als Tauromachie bezeichnet)

11. Bergen des Schatzes
Nach dem Sieg über das stierköpfige Ungeheuer Miniotauros kann Theseus die athenischen Geiseln befreien und mit seiner Geliebten Ariadne (ein Schatz im übertragenen Sinne) nach Athen zurücksegeln. In anderen Geschichten ist dies ein echter Schatz, den der Drache oder ein anderes Ungeheuer gehütet hat. In wieder anderen Varianten ist es ein geheimnisvolles Elixier, eine chemische Formel, ein neues Medikament (für einen Autor: sein endlich bendetes Manuskript). Neuer Lebenssinn wird zugänglich.

12. Rückkehr in die Oberwelt
Nun muss der Held noch die Rückkehr in die Oberwelt schaffen. An der Rückkehr wird der Held manchmal durch einen (anderen) Hüter der Schwelle gehindert – was in der Labyrinth-Sage nicht vorkommt.
Hier geht es eindeutig um das siegreiche Verlassen des Labyrinths selbst.

13. Meister der Zwei Welten
Ist all dies geschafft, bringt der Held im Idealfall seinen Schatz (das Elixier) in die Oberwelt. Mit seinen Heldentaten, vor allem aber mit seinem Sieg über den Widersacher hat er das verlorengegangene Gleichgewicht zwischen Oberwelt und Unterwelt wieder hergestellt – allerdings in einer neuen Form. Denn so wie die vertraute Oberwelt früher war, wird sie nie wieder sein. Der Held ist ebenfalls ein Anderer geworden – was manchmal mit dem Titel Meister der Zwei Welten zum Ausdruck gebracht wird. Im Falle des Theseus: Als er nach Arthen zurückkommt, wird er selbst König.

(14. Nachgeschichte in der Oberwelt / 14.a Selbst zum Mentor werden)
Der Held kann nun zum Mentor für andere Menschen werden. Theseus kann in der Rolle des Königs viel Gutes tun. Seine Untertanen schicken ihn allerdings am Schluss seiner Regentschaft in die Verbannung; aber das ist eine andere Geschichte.
  

Die Heldenreise des Widersachers

Auch der Antagonist macht eine Entwicklung durch. Sie besteht in der Regel darin, dass er immer stärker wird, dem Helden stets um Erfahrungen und Stärke und Waffen voraus ist – bis er schließlich doch besiegt wird. Aktuelles literarisches Beispiel: Lord Voldemort – in der Harry Potter-Serie, dessen Werdegang Joanne K. Rowling ausführlich schildert.

Nach deutlicher benützt diese Möglichkeiten George Lucas in seiner Star Wars-Serie. Die später gedrehten, in der Chronologie jedoch früher angesiedelten Episoden I bis III schildern den Aufstieg des zunächst sehr positiv dargestellten Anekin zum Yedi-Ritter. Der wird jedoch abtrünnig von der Guten Seite der Macht und mutiert zum bösen Darth Vader – in der faszinierenden Doppelrolle von Vasall des Imperators und Vater des Luke Skywalker – für den er sich, in Episode VI, letztlich doch opfert. Somit ist Darth Vader der perfekte Widersacher und zugleich eine tragische Figur – während Luke, der Sohn, der strahlende Held ist.

(c) Jan 2010 Jürgen vom Scheidt / Quelle: minotauros-projekt.de

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