3 Mythen über Creative Writing

In den Medien, vor allem in den Feuilletons der Tageszeitungen, herrscht so eine ganz eigene Meinung über das, was Creative Writing ist. Diese Meinung wird selten von eigenen Erfahrungen getrübt. Diese  Vorurteile (um nichts anderes handelt es sich) lassen sich in 3 Mythen zusammenfassen:

Da häkeln Hausfrauen in ihrer Freizeit hübsche Texte wie Topflappen zusammen und meinen dann, das wäre Literatur.” (Ein Berliner Journalist auf einer Tagung in Tutzing.)

Der bekiffte Professor hat mal einen Bestseller gelandet, wird seit Jahren von einer massiven Schreibblockade behindert und muss sich seinen Lebensunterhalt verdienen, indem er unbegabten Studenten in einer Provinz-Universität das Romanschreiben beibringt.”
(Diese Meinung kann sich auf den Film Die Wonder Boys berufen, in dem Michael Douglas dieses Klischee auf wunderbare Weise bedient und zugleich entlarvt.)

In Iowa kann man mit einem Roman in Creative Writing promovieren.
Ja, das ist an der staatlichen Universität möglich, und diese sensationelle Möglichkeit geistert seit Jahrzehnten durch die Medien. Die deutsche Variante des Letzteren lautet: “Am Literaturinstitut in Leipzig lernen sie, wie man flott einen Roman schreibt, der sogar gedruckt wird.”

Nun, das sind nicht nur Vorurteile, denn diese haben – wie Sagen, Legenden und Märchen – einen wahren Kern. Dieser lautet:

Das sind alles keine Profis* – weder die, welche Schreib- und Erzähltechniken des CW lehren, noch die, welche dies als Teilnehmer lernen und üben.
* Profis: das sind natürlich die Journalisten und Redakteure, die ihr Schreib-Handwerk ”von der Pieke auf” in einer renommierten Journalistenschule und /oder im Redaktions-Volontariat gelernt haben.

Auf meiner persönlichen Website www.hyperwriting.de habe ich eine Liste von recht bekannten Autoren zusammengestellt, die ihr Handwerk des Schreibens entweder in Creative Writing-Kursen selbst gelernt haben oder später, als erfolgreiche Autoren, selbst CW-Kurse anbieten. Diese Liste AUTOREN ALS SCHREIBSEMINARLEITER  hat inzwischen an die 70 Einträge. Der jüngste Eintrag betrifft den in England lebenden japanischen Erfolgsautor Kazuo Ishiguro. Über ihn hieß es soeben (FAZ vom 5. Sep 2009):

Ishiguro studiert von 1974 bis 1978 Anglistik und Philosophie an der  Universität von Kent. 1979 und 1980 nimmt er an dem renommierten Creative-Writing-Kurs der Universität von East Anglia teil. Anfang der achtziger Jahre arbeitet er für eine Obdachlosenhilfe in London. Damals in Nagasaki, Ishiguros erster Roman, erscheint 1982.
Ishiguro ist Autor von sechs Romanen … Was vom Tage übrigblieb, Ishiguros bekanntester, 1989 mit dem Booker Prize ausgezeichneter Roman, wurde 1993 unter der Regie von James Ivory mit Anthony Hopkins und Emma Thompson in den Hauptrollen verfilmt.

Dem ist eigentlich nichts weiter hinzuzufügen. Außer: Erfolg, gar Welterfolg mit dem Schreiben zu haben, ist eine Möglichkeit. Das liegt durchaus drin, wenn man in CW-Seminaren lernt,
° das Handwerk des Schreibens zu beherrschen,
° einen interessanten Stoff / Plot entdeckt und kreativ zu gestalten
° und zudem noch das Glück hat, einen Verlag zu finden, der das Werk druckt und
° (jetzt wird es wirklich spannend) das Riesenmassel hat, das richtige Zeitfenster zu erwischen, in dem alle Welt genau auf dieses Buch zu warten scheint. Ein paar Jahre zu früh oder zu spät – niente (Welt-)Erfolg. Bestes aktuelles Beispiel: Joanne K. Rowlings Serie um den Zauberlehrling Harry Potter. Erst wollte das kein Verlag den ersten Band HP und der Stein der Weisen haben – dann druckte Bloomsbury hasenfüßig gerade mal 500 Exemplare – und dann ging´s los: Die atemberaubende Erfolgsstory von der Sozialhilfe-Empfängerin Rowling mit kleinem Kind zur Milliardärin, und das in gerade mal einem Jahrzehnt.

 

Kreatives Schreiben ist viel mehr

Wir im IAK begreifen unter Creative Writing noch etwas anderes als das Handwerk des Schreibens und Erzählens. Wir verstehen das (Kreative) Schreiben nicht als ein “Entweder – oder” im Sinne von “Entweder professionell für die Medien – oder privat als nettes Hobby”. Beides schließt einander ja überhaupt nichts aus. Schreibtalent kann sich, wie jedes Talent, nur dann entfalten, wenn die Entwicklung der Gesamtpersönlichkeit im Auge behalten wird. Deshalb stehen bei uns im Vordergrund stets

°  die Person des/der Schreibenden

° und der gemeinsame Kreative Prozess der Gruppe (schließlich ist diese Gruppe ja auch das erste Publikum, dem ein Text präsentiert wird).

° Das schließt nicht aus, dass wir ein Höchstmass an literarischer Qualität anstreben.
Aber die Schreiber sind das Wesentliche und die Entwicklung ihres Schreibtalents. Dazu gehört auch ein anderer Umgang mit Blockaden – nämlich gerade nicht mit Drogen wie Haschisch oder LSD (s. Michael Douglas, der den kiffenden Literaturdozenten spielt, der bezeichnenderweise Tripp heißt) oder Alkohol (nicht zufällig sagt man, dass professionelles Schreiben “durstig” mache). Blockaden haben stets einen tieferen Sinn – und den kann man sich sogar zunutze machen, wie ich an anderer Stelle mitgeteilt habe: WIR LÖSEN BLOCKADEN
 

HyperWriting = Creative Writing + TZI + more

Wenn man so will, haben wir dem üblichen Creative Writing die Gruppenmethode der TZI  hinzugefügt und wichtige Elemente aus der (tiefenpsychologischen) Psychotherapie. Aber damit keine Missverständnisse entstehen: Wir betreiben keine Schreib-Therapie, sonden benützen diese Erfahrungen nur, wenn der kreative Prozess ins Stocken gerät. Deshalb, weil unsere Version des Creative Writing über die übliche Form hinausführt, bezeichnen wir sie auch als HyperWriting (hyper = griechisch “über eine Grenze hinaus”). Im Detail beschrieben habe ich das in meinem Sachbuch Kreatives Schreiben – HyperWriting.

Dass diese unsere Philosophie richtig verstanden wird, bestätigte uns schon 1980 ein bekannter Schweizer Journalist (den seine damalige Freundin ins Seminar mitgebracht hatte, “gegen seinen Willen”, wie er in der Anfangsrunde scherzte). In der Schlußrunde der 1. Großen Schreib-Werkstatt sagte er als Feedback: “Ich habe zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder etwas für die Schublade geschrieben.” Das war durchaus positiv gemeint, im Sinne von: Nicht unter Terminddruck entstanden und nicht zur sofortigen Veröffentlichung gedacht. Also eigentlich: Zu meinem Vergnügen, um mir über mich selbst besser klar zu werden, um zu experimentieren.

 

Ein Buch schreiben – um verborgene Talente zu entfalten

Einen Schritt weiter gehen wir im Minotauros-Projekt. Auch dort steht, ganz im Sinne von Creative Writing und HyperWriting das Lernen des Schreib-Handwerks mit alle seinen Tricks of the Trade im Zentrum. Aber während in anderen Kursen und Ausbildungsgängen am Ende das erworbene Wissen und Verständnis durch eine Abschlussarbeit gekrönt wird, arbeiten unsere Kursteilnehmer von vorneherein an einem Buch-Projekt.

Dies betrifft

° nicht nur die Teilnehmer, die primär ihr Schreibtalent entfalten und verbessern möchten,

° sondern auch jene, für die Schreiben nur eine interessante Nebensache ist, die aber vor allem mit ihrem musikalischen oder zeichnerischen Talent etc. weiterkommen möchten

° oder die grundsätzlich ihre noch brachliegende Hochbegabung als Latentes Talent gestalten und entfalten möchten.

Mehr zu alledem im Curriculum  (das zur Zeit noch sehr work in progress ist).

Quelle
David, Thomas (Interviewer): “Belügen sie sich selbst, Mister Ishiguro?”. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 5. Sep 2009, S. Z6

Scheidt, Jürgen vom: Kreatives Schreiben – HyperWriting. (Frankfurt am Main 1989_Fischer TB). München 2006-11 (Allitera Paperback). 216 Seiten – 19,90 €uro / / ISBN 13 = 978-3-86520-210-9

(c) 2009 Jürgen vom Scheidt / Quelle: minotauros-projekt.de

4 Kommentare

  1. Ines sagt:

    Halli Hallo, Gut geschrieben. Ich stand sogar Nachts an einer Buchhandlung an, um mit als erste den damals neusten Harry Potter Band lesen zu können.

  2. Herzlichen Dank, Ines, für Ihren Kommentar zu meinem Beitrag “3 Mythen über Creative Writing”.
    Er ist mir besonders wertvoll aus zwei Gründen:
    1. Ich bin bekennender Harry- und Rowling-Fan. Das gehört natürlich zusammen. Die Rowling bewundere ich als Autor, weil sie so toll erzählen kann und jedem, der selbst schreibt, wunderbare Anregungen zum Handwerk des Schreibens vermittelt – betr. Spannung, Personenschilderung, Schauplätze – das alles mit sehr ökonomischen Mitteln.
    Außerdem passt die Serie wie ihre Verfasserin hervorragend in die Grundthematik dieser Website: “Schreiben & Hochbegabung”. Ich verstehe ich sowohl Harry alls auch seine Schöpferin als Hochbegabte, die sich auf eine Heldenreise zur Entwicklung ihrer Talente machen – Harry als Zauberer, J.K. Rowling als Autorin.
    Dabeide schicksalhaft auch noch verzögert ihre Talente entwickeln – sind sie ehcte SPÄTZÜNDER.
    Beide Male kommt bei diesen Heldenreisen etwas Wunderbares heraus: Echte Schätze werden gefunden (wie es bei einer Heldenreise ja sein soll), buchstäblich.
    2. ist es der erste Kommentar überhaupt auf dieser Site – also eine Art “Ruf aus der Welt draußen”: “Hallo, ich nehme Dich/euch wahr!”
    (Man publizietr ja erst mal ins virtuelle Nichts hinein.)
    Deswegen bin ich natürlich sehr neugierig, wie Sie auf die Website aufmerksam wurden.
    Darf ich das erfahren?

  3. Nachtrag zu meiner Reaktion auf den Kommentar von “Ines”:
    Über J.K. Rowling habe ich auf einer anderen Site schon einiges geschrieben: http://www.hyperwriting.de/loader.php?pid=303
    über Harry resp. die ganze HP-Serie: http://www.hyperwriting.de/loader.php?pid=308

  4. Ines sagt:

    Hallo, Ihre Website habe ich in der Blogsuche von Google gefunden. Viele Grüße, Ines

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